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Die Rückkehr der Großen Göttin - Teil 1


Bedeutung und Mythen des Matriarchats

 

Moderne Mythen wie z. B. die „Star Wars"- Serie zeigen ein neues Bild der Frau: Sie ist gleichzeitig Herrscherin, Wissende, Kriegerin und Liebende. Es scheint also, daß sich derzeit - zumindest im „kollektiven Unbewußten", wenn nicht sogar im Bewußtsein der Menschheit - das uralte weibliche göttliche Prinzip zurückmeldet. Der Beginn des Dritten Jahrtausends gibt uns Menschen wieder einmal eine neue Chance, unsere geschlechtsspezifischen Rollen zu überdenken, mit jenen zu vergleichen, die wir aus der Antike und der grauen Vorzeit kennen - und entsprechend zu verändern. Unser Ziel dabei ist es sicherlich, das Leben aller Lebewesen auf unserem Planeten menschlicher zu gestalten.

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Es geht um den „Mythos der Großen Göttin", aber die Göttin ist natürlich nicht nur eine mythologische Realität, sondern auch eine psychologische und eine geschichtliche Realität. Es gibt eine erstaunliche Fülle von historischem Material zur Religion der frühen Menschheit, beispielsweise archäologische Ausgrabungen und Funde wie Höhlenmalereien, Felszeichnungen, Figuren, Statuen, Tempelanlagen, Steine, Gefäße, Opfergeräte, Tontafeln, Inschriften - sowie auch heute noch existierende Rituale, Bräuche, Überlieferungen, Gebete, Namensgebungen und Feste.

Aus vielen „Mosaiksteinchen" hoffe ich ein Weltbild deutlich machen zu können, das unsere Vergangenheit war, das Spuren in unserer Gegenwart hinterlassen hat und das unsere Zukunft beeinflussen wird.

 

Frühgeschichte

Gehen wir zurück - in die Zeit vor etwa 100.000 Jahren, in die Altsteinzeit, die Epoche des Neandertal-Menschen. Das Weltbild dieser frühen Menschheit erschließt sich uns u.a. aus Höhlenmalereien und Felsritzungen. Aus diesen Bildern und Zeichnungen kann man bereits eine hohe Intelligenz, eine relativ hohe Kultur erkennen. Die Symbole lassen auf ein ganzheitliches Weltbild schließen, auf eine Orientierung des Menschen in Zeit und Raum.

Ständig wiederkehrende Symbole sind hier unter anderem die Mondsichel oder die Zahl 3. Die Zahl 3 ist dargestellt in Form von drei parallelen Linien oder drei Punkten oder als Dreieck. Beide Symbole - die Mondsichel und die Zahl 3 - bedeuteten die 3 Mondphasen. Die aufgehende Mondsichel war ein Symbol für Neugeburt, der Vollmond das Zeichen für die Fülle des Lebens, der Neumond für die dunkle Phase des Mondes, ein Zeichen für Tod. Der Mond ist ja allmonatlich vorübergehend verschwunden. Wenn nun bei dieser Dreiheit die Darstellung der weiblichen Geschlechtsmerkmale, des weiblichen Schoßes, zu finden ist, bedeutet diese Verknüpfung der Symbolik die Idee „Leben - Tod - Wiedergeburt", und zwar Wiedergeburt durch den Schoß einer Frau. Die älteste Religion der Steinzeitmenschen war eine Wiedergeburtsreligion, und die Darstellung der Frau war das Symbol dafür.

In diesen Symbolen stecken die ewigen Stirb-und-Werde-Prozesse, und da dieser zyklische Wechsel in der Natur, dieses ewige Werden und Vergehen, von allen Menschen und zu allen Zeiten beobachtet wurde, gleicht sich die Symbolik in allen erforschten Kulturlandschaften der Erde.

Da die Menschen auf eine Wiedergeburt in der eigenen Sippe hofften, wurden die Ahnen hoch in Ehren gehalten, und man dachte sich eine Urahnin als die große Urmutter des Volkes oder aller Menschen. Die Frau war das Zentrum und die Trägerin des Ahnenkultes. Sie war auch Priesterin. Sie war Mittelpunkt und Oberhaupt der Familie oder der Sippe. Sie war die, die den Tod wieder ins Leben verwandeln konnte. Ein Zusammenhang zwischen Zeugungsakt und Geburt eines Kindes war den Menschen dieser frühen Zeit noch nicht bewußt - wie namhafte Forscher übereinstimmend bestätigen -, so daß die Frau als alleinige Schöpferin und Erzeugerin des Lebens betrachtet wurde.

Die Schöpfungsmythen vieler Völker berichten von einer großen Urmutter, die in Gestalt einer Taube das Weltenei legte, aus dem dann der gesamte Kosmos mit allen Wesen hervorging.

Die Natur selbst galt als weiblich. Die Erde mit ihren Höhlen und Spalten, mit ihren Quellen, Teichen und Flüssen, sie war ein geheiligtes Wesen, der Schoß, aus dem alles Leben kam und in den auch alles Leben zurückkehren mußte. Die Natur war die Mutter, das mächtigste Grundelement des Lebens, dem man zu gehorchen hatte, mit dem sich aber auch das sichere Gefühl von Trost, Schutz und Fürsorge verband.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, daß die Menschen das Unfaßbare, den Ursprung aller Dinge, das schöpfende Prinzip in Form einer Muttergöttin verehrten. Es existieren fast ausschließlich weibliche Darstellungen aus diesen frühen Zeiten, männliche und androgyne (mann-weibliche) Darstellungen tauchen nur vereinzelt auf. Die Abbildung des Weiblichen, sei es als abstrahierte Zeichnung oder als üppige Skulptur, war kein Fruchtbarkeitszauber, wie lange angenommen worden ist, sondern sie bedeutete die Verehrung des lebensspendenden Prinzips, der Allmutter, der kosmischen Macht. Der Fruchtbarkeitsaspekt war nur ein Teilaspekt der Religion.

Die Archäologin Marija Gimbutas fand bei ihren Ausgrabungen im Raum Süd-, Mittel- und Osteuropa 30.000 Miniaturskulpturen der Göttin. Sie wies in ihren Büchern nach, daß der hohe soziale Rang der Frau als Sinnbild der Göttin und als Priesterin von der Altsteinzeit bis in die Jungsteinzeit hinein (um etwa 7000 v.Chr.) ungeschmälert erhalten geblieben ist und daß er in einigen Gebieten zu Beginn der Bronzezeit (um 2500 v.Chr.) seine höchste Entfaltung erreicht hat.

Marija Gimbutas und andere namhafte Wissenschaftler wie z.B. Sir James Frazer vertreten die Meinung, daß der Grund für die Verehrung der weiblichen Gottheit ursprünglich in der hohen Stellung der Frau lag. Die Vorherrschaft von männlichen Gottheiten in einer Kultur geht dann normalerweise mit einer höheren Wertschätzung des Männlichen Hand in Hand.

 

Matriarchatskulturen

Betrachten wir nun die Zeit der ersten großen Stadtkulturen in der Jungsteinzeit um etwa 7000 v.Chr. Berühmte Städte aus dieser Zeit sind die sumerischen Städte Ur, Uruk und Eridu, alle drei im Euphrat-Tigris-Gebiet gelegen, oder Babylon, ebenfalls im Zweistromland, oder Byblos (im heutigen Libanon), oder die Stadt Jericho (im heutigen Israel).

In diesen Stadtstaaten waren verschiedene Handwerkskünste und Techniken schon hoch entwickelt, Töpfern, Weben, Hausbau, Straßenbau, Bewässerungssysteme und vieles andere mehr. Aus historischen Berichten und aufgrund der Fundgegenstände weiß man, daß die Frau die Kulturträgerin war. Diese kleinen Königreiche besaßen einen Tempel der Göttin als sozialen und ökonomischen Mittelpunkt. Das war die Zeit der Hochblüte des Matriarchats.

„Matriarchat" ist ein griechisches Wort. Arché heißt „Anfang", aber in einer späteren Bedeutung auch „Herrschaft", so daß es als „Anfang der Mütter" oder als „Herrschaft der Mütter" gedeutet werden kann.

Das Wesen des Matriarchats besteht darin, daß das männliche und das weibliche Prinzip gleichermaßen anerkannt sind und daß, falls die ursprünglichen Matriarchatskulturen eine „Herrschaft der Mütter" bedeuteten (die Matriarchatsforscher/innen sind sich da nicht einig), es eine Herrschaft war ohne Gewalt und Unterdrückung auf Kosten des anderen Geschlechts. Marija Gimbutas drückt das sehr treffend aus mit dem Satz: „Keine Kraft ist der anderen unterworfen, sondern indem sie einander ergänzen, wird ihre Kraft verdoppelt."

In der Regel waren die Matriarchate Ackerbaukulturen, und das trifft auch für die heute noch bestehenden Matriar-chatsgesellschaften in Asien, Afrika und Ozeanien zu. Ackerbau und Handel lagen hauptsächlich in der Hand der Frauen - dies war auch eine der Grundlagen für das hohe soziale Ansehen und die ökonomische Unabhängigkeit der Frau. Felder, Häuser und Herden waren größtenteils Sippeneigentum und wurden von der Sippenmutter verwaltet. Name und Besitz gingen von der Mutter auf die Kinder über (d.h. matrilineares System). Die jüngste Tochter erbte die Rechte und Pflichten der Mutter, und der älteste Sohn war der Helfer und Schützer seiner jüngsten Schwester und deren Delegierter nach außen.

Die höchste Würdenträgerin der Gemeinschaft im Matriarchat war die Hohepriesterin, in einer Stadtkultur meist identisch mit der Königin. Sie war die Vertreterin, ja die Personifikation der Göttin auf Erden.

Wenn es einen König gab, dann war er der Hohepriesterin oder der Königin zur Seite gestellt, und zwar administrativ, und nicht allein entscheidungsfähig. In der Regel war er König nur für ein Jahr.

Die Königin als Personifikation der Göttin wählte sich einen Gefährten. Das konnte ihr eigener Bruder sein oder ein Mann aus dem Volk. Der war dann ihr Geliebter oder auch ihr Gemahl. In späteren Epochen verband sie sich auch mit ihrem Sohn, und er hieß dann oft der „Sohngeliebte". Als „Sonnensohn" oder „Mondgeliebter" wurde der junge Gefährte der Göttin in verschiedenen Kulturkreisen dargestellt. Häufig ist er aber auch ihr „heiliger Himmelsstier", wobei die Stierhörner wieder mit den beiden Mondsicheln (abnehmender Mond - zunehmender Mond) in Zusammenhang stehen. Daneben gibt es auch Abbildungen und Überlieferungen, die den Gefährten der Göttin als gehörnten Ziegengott darstellen.

Dieser männliche Gefährte ergänzte die Göttin, und die Gestalt in ihrer Gesamtheit veranschaulicht die androgyne Ganzheit der lebendigen Natur, das Leben und den Tod (Leben für die Göttin, Tod für den sterblichen Menschen). Leben und Tod sind zwar Gegensätze, aber doch in einem Kontinuum enthalten.

Zum Thema „Sohngeliebter" ein Beispiel: In der ägyptischen Stadt Theben wurde zur Zeit des Neuen Reiches um etwa 1500 v. Chr. die Götterfamilie Amun-Mut-Chonsu verehrt. Amun war ein Sonnengott, Mut eine Mondgöttin und Muttergottheit, der gemeinsame Sohn Chonsu ein Mondgott. Die große Philosophin und Religionsforscherin  des 19. Jahrhunderts H.P. Blavatsky schreibt dazu: „Mut war weniger die Gattin als die Mutter des Gottes Amun, dessen deutlicher Titel der  »Gemahl seiner Mutter« war." Ein anschauliches Beispiel dafür, wie kompliziert die Verflechtungen der Götterbeziehungen und der Symbolik sein können!

 

Die Bedeutung der Jahreszyklusfeste und der Mysterienspiele

In den alten Zeiten des Matriarchats feierten die Menschen alljährlich im Frühjahr zur Wiederauferstehung der Natur ein großes heiliges Tempelfest. Das war ein Fest überschwenglicher Freude mit Musik, rituellen Gesängen, ekstatischen Tänzen und üppigen Gelagen. Der Höhepunkt war die Vereinigung der Göttin mit ihrem göttlichen Gefährten, symbolisch vollzogen durch die Hohepriesterin oder Königin mit dem König.

Bei dieser „heiligen Hochzeit" verband sich die Göttin symbolisch mit dem Menschen, der dadurch zum Heros wurde. Himmel und Erde, Mond und Sonne, gingen eine mystische Verschmelzung ein, die Mensch und Tier, Land und Meer, den ganzen Kosmos fruchtbar machen sollte. Durch diese Verschmelzung heiligte die Göttin die Natur, die ihr in der Gestalt ihres Geliebten entgegentrat.

Aber die Zeit des Königs war begrenzt. Nach Ablauf eines Jahres wurde er rituell geopfert, und zwar durch die Königin selbst - das heißt also durch die Göttin. Die Göttin schenkte das Leben, aber sie brachte auch den Tod. Der König, oft als „Sakralkönig" bezeichnet (lat. sacrificium = das Opfer), starb in dem sicheren Wissen, daß seinem Tod, seinem Abstieg in die Unterwelt der Aufstieg und die Wiedergeburt notwendigerweise folgen mußten. Dieser Opfertod bedeutete für ihn Unsterblichkeit und Vergöttlichung, denn es wurde ja alljährlich auch die mystische Wiederkehr des Heros (meist als göttliches Kind) gefeiert.

Wir kennen aus verschiedenen Religionen das Mysterium von Tod und Wieder-auferstehung: aus dem Christentum, aus der ägyptischen Religion den Osiris-Mythos, aus dem aztekischen Kulturkreis den Mythos von Quetzalcoatl, oder die Geschichte der großen sumerischen Göttin Inanna, die freiwillig in die Unterwelt hinabstieg und wiederkehrte.

Aber ist der Tod des Sakralkönigs nicht auch ein Symbol für das alljährliche Absterben der Natur? Auch sie stirbt jedes Jahr, um verjüngt und erneuert wieder aufzuerstehen. So ist das menschliche Schicksal ein Spiegel des zyklischen Ablaufs des Naturgeschehens im Werden, Wachsen und Vergehen. Der Heros nimmt symbolisch dieses Schicksal auf sich und übernimmt so die Verantwortung für die Harmonie in der Natur, die er mit seinem Leben und Sterben erhält.

Mit diesem Sterben des Königs war immer eine Zeit der Trauer und des Klagens verbunden (auch wenn in späteren Epochen dann das Königsopfer ersetzt wurde durch ein Tieropfer), und Mythen um Trauer und Klagen sind uns heute noch aus verschiedenen Kulurkreisen erhalten. Die Mutter Maria und Maria Magdalena trauern um Jesus, Isis trauert um ihren geliebten Gatten und Bruder Osiris, die griechische Göttin Demeter trauert um ihre Tochter Persephone, die in der Unterwelt festgehalten wird.

Alle diese Feste und Rituale der heiligen Hochzeit, des Opfertodes und der Klage und der Wiederkehr des Heros waren ein Nachvollziehen der kosmischen oder göttlichen Gesetze auf der menschlichen Ebene. Die Zeit des Matriarchats war eine Zeit der Ganzheitlichkeit. Der Mensch und seine Tätigkeiten waren eingebunden in die Prozesse der Natur, in Leben, Tod und Wiedergeburt. Diese große Weisheit hinter allen Dingen drückte sich in allem aus: in den Symbolen, Mythen, Zeremonien, Ritualen und Mysterienkulten, im Umgang miteinander und im Umgang mit der Natur, in der Achtung vor dem Leben.

 

Die Große Göttin

Ich habe jetzt einiges über die Geschichte und die Verehrung der Großen Göttin berichtet, aber noch kaum die zentrale Frage berührt: WER WAR SIE?

In den Urzeiten war sie eine umfassende, eine universelle Gottheit, nicht differenziert, nicht aufgespalten in ihre Aspekte. Es gab da noch nicht eine spezielle Göttin für Liebe und Schönheit, eine andere für Krieg, eine weitere für Fruchtbarkeit, für die Jagd, für die Unterwelt, für Weisheit  und Gerechtigkeit und so weiter. Sie war alles in einem. Sie war einfach DIE GÖTTIN, die GROßE MUTTER, die Erfüllerin aller Bedürfnisse und die Macht des Todes.

Im Laufe der Zeiten bekam sie Namen und Titel. Man nannte sie die Herrin des Universums, die Schöpferin und Zerstörerin, die Gesetzgeberin, die Heilerin, die Prophetin, die Erfinderin, die Jägerin, die Führerin im Kampf.

Sie war die „höchste Göttin und die Herrin des niederen Abgrundes, die Mutter der Götter und die Mutter aller Existenzen" (H.P. Blavatsky).

Ihr wichtigster Titel aber - vor allem im kleinasiatischen Raum - war „Himmelskönigin". In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante Tatsache: Im Jahre 1950 verlieh Papst Pius XII in einem päpstlichen Dekret der christlichen Mutter Maria den Titel „Königin des Himmels und der Erde".

Die verschiedenen Völker von Ägypten über Arabien, Kleinasien, Europa bis zum Indus verehrten die gleiche Gottheit unter verschiedenen Namen. Bei den Sumerern hieß sie Inanna oder Innin, in Babylonien hieß sie Ischtar, in Phönizien Astarte, in Ägypten war Nuth die Himmelskönigin und Isis/Hathor die große Muttergöttin. Sie hieß Anat oder Anait, Ashera, Aschtart, Kybele oder einfach Baalat, d.h. „die Göttin". In der Bibel taucht sie auf als Ashteroth oder Astoreth, die Göttin, die von den Juden verehrt worden war, bevor Jehova als männliche Gottheit mehr Bedeutung erlangte. Im mittel- und nordeuropäischen Raum waren ihre Entsprechungen Freya, Brigit, Danu, um nur ein paar Namen zu nennen.

So vielfältig wie die Namen der Göttin sind auch die ihres geliebten Gefährten, der ebenso wie sie immer das gleiche Prinzip bedeutet. Auch hier seien ein paar Beispiele genannt:

Inanna - Dumuzi, Ischtar - Tammuz, Isis - Osiris, Kybele - Attis, Baalat - Baal, Aphrodite - Adonis. Auch Dionysos, der griechische Gott der weiblichen Mysterien, gehört in diese Reihe: er war der Gefährte der kretischen Ariadne.

 

Die Göttin als Dreiheit

Seit den Zeiten der ersten Hochkulturen kennen wir die eine Göttin in einer dreifachen Gestalt, d.h. in drei verschiedenen Erscheinungsformen gemäß den drei Mondphasen:

  • Mondsichel: Geburt und Wachstum

  • Vollmond: Reife

  • Neumond: Tod

 

Die Göttin erscheint als Frau in den drei Lebensaltern:

1. Im Frühling erscheint sie als junges Mädchen, als Göttin für Geburt und Wachstum, als Göttin der Jugend, als Jägerin und Schützerin des Waldes, als die weiße Göttin. Wir kennen sie noch aus der Mythologie als Kore, das Mädchen, als Persephone, die Tochter, und auch als Artemis/Diana. Ihr Reich ist die lichte Region des Himmels.

2. Im Sommer erscheint sie als reife Frauengöttin, die Gebärerin und Lebenserhalterin, die rote Göttin als Symbol für Liebe und Kampf. Wir kennen sie noch als Demeter, die schöne Göttin des Getreides und der Fruchtbarkeit der Natur. Ihr Reich ist die Erde.

3. Im Herbst wird sie zur schwarzen Göttin, zur Greisin, zur Göttin für Tod und Unterwelt, die dunkle Phase des Mondes, die aber den Neuanfang schon in sich trägt. Aus der griechischen Mythologie ist sie bekannt als Hekate. Sie ist die mystische Gottheit ewigen Untergangs und ewiger Wiederkehr, die Wandlungsgöttin, die weise Alte.

Diese dreifache Göttin in einer Person - sie war die Schöpferin, Erhalterin, Zerstörerin und Neuschöpferin der Welt. Sie war die unaufhörliche kreative weibliche Kraft. In Matriarchatskulturen verkörpert jede Frau zu jedem Zeitpunkt ihres Lebens einen dieser drei Aspekte der Göttin. In Nepal tragen die Frauen noch heute zu den Jahreszyklusfesten zu Ehren der Göttin ihre Saris in den Farben Weiß, Rot und Schwarz.

Leider ist das Wissen um die Zyklen im Leben der Frau heute nicht mehr so präsent wie früher, da das Patriarchat die Frau aus ihrer wichtigen Rolle verdrängt und der Materialismus die Jahreszyklusfeste  aus unserem Alltag entfernt hat. Dieser Stirb-und-Werde-Kreislauf begleitet uns jedoch weiterhin: So wie die Natur jahrein und jahraus ständig im Frühjahr neu ans Licht drängt und im Winter wieder stirbt, so verläuft auch der Zyklus der Frauen und der Männer. Versuchen wir, uns dieser Zyklen und ihrer Bedeutung  mehr bewußt zu werden!    

 

Literatur:

  • Merlin Stone: Als Gott eine Frau war,  Goldmann 1988

  • Marija Gimbutas: The Goddesses and  Gods in Ancient Europe , London 1982

  • Jean Sh. Bolen: Göttinnen in jeder  Frau, Sphinx bei Heyne 1995

  • Jennifer Barker-Woolger und Roger  Woolger: Göttinnen, Bastei-Lübbe-

            Taschenbuch 1996

  • Robert von Ranke-Graves: Die Weiße  Göttin, Rowohlt Taschenbuch 1985

  • Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarachat I, W. Kohlhammer 1995

  • Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat II/1, W. Kohlhammer 1991

  • Heide Göttner-Abendroth: Die Göttin  und ihr Heros, W. Kohlhammer 1980

  • Erich Neumann: Zur Psychologie des Weiblichen, Fischer 1990

  • John A. Phillips: Eva, Kreuz-Verlag 1987

  • Marie E.P. König: Die Frau im Kult der Eiszeit (in Weib und Macht),

            Fischer 1982

  • Ean Begg: Die unheilige Jungfrau, Tramontane 1989

  • Elisabeth Hämerling: Mondgöttin Inanna, Kreuz-Verlag 1990

  • Edward C.Whitmont: Die Rückkehr der Göttin, Kösel 1982

  • Gerda Weiler: Der enteignete Mythos, Campus 1991

  • Sigmund Hurwitz: Lilith, die erste Eva, Daimon 1983

  • H.P. Blavatsky: Die Geheimlehre, Band II, Theosophische Philosophie

 

 

Autorin: Rotraud Plattner

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 78)

Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 14. Oktober 2008 )
 
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