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Die Megalithkultur – Teil 2


Eines der großen Geheimnisse unserer Geschichte


ImageMegalithen sind Bauwerke der Vorgeschichte und gehören zu den größten Rätseln der Menschheit. Der megalithische Totenkult scheint die Gewissheit der Unsterblichkeit der Seele einzuschließen, unddie Steinbauten sind ein Symbol für dieses Fortleben.


Die Megalithen wurden nach dem heutigen wissenschaftlichen Stand hauptsächlich zwischen 5000 und 1000 v.Chr. im sogenannten neolithischen Zeitalter errichtet. Die Steinbauten unterscheiden sich in drei Hauptkategorien: Der Menhir ist ein hoher, aufrecht stehender und leicht spitz zulaufender Stein, der einen Kanal zwischen der himmlischen und irdischen Energie schafft. Die Menhirgruppe sind Cromlechs und Steinreihen, die mit der stellaren Energie in Verbindung stehen. Neben den Menhiren und Menhirgruppen, die im ersten Teil dieses Artikels behandelt wurden, sind Dolmen die wichtigsten Bauwerke der Megalithkultur, die wir heute noch in Europa finden können.


Die Dolmen

Dolmen bedeutet „Tisch aus Stein“ und bezeichnet meist flache Bauwerke, die aus einer oder mehreren Steinplatten bestehen, die von Stützmenhiren getragen werden. Die gesamte Steinkonstruktion wurde mit einem Erdhügel (Tumulus) oder mit kleinen Steinen (Cairn) überdeckt. Viele von ihnen haben ihre ursprünglichen Decken verloren und nur noch ein Steinskelett hinterlassen, da sie ausgegraben und als Steinbruch benutzt wurden.


Man kann drei Haupttypen von Dolmen unterscheiden:

a) Dolmen ohne Zugang: eine Grabstätte aus großen Steinen ohne Zugang. Sie wurde nur für wichtige Personen benutzt (wie z.B. einen Schamanen oder einen besonderen Häuptling).

b) Der Dolmen à Couloir: Er besteht aus einem Zugang und einem Raum oder mehreren Räumen. Diese Grabstätte wurde mehrmals benutzt, deshalb der Zugang. Erweiterungen und Umbauten von Dolmen zeugen von einer Benutzung über mehrere Generationen hinweg. Die Flächen sind unterschiedlich groß: 20 m2 bis 700 m2 (einschließlich Erd- oder Steinchenhügel). Die Grundrisse der Hügel haben unterschiedliche Formen: rund, oval, quadratisch oder trapezförmig.

c) Die Allées Couvertes (abgedeckte Alleen): Der wichtigste Unterschied zwischen den Dolmen à Couloir und den abgedeckten Alleen ist die Tatsache, dass es in den abgedeckten Alleen keine Räume gibt. Man könnte auch sagen, dass der Raum die Form eines Ganges hat. Die abgedeckten Alleen sind jüngeren Datums und am häufigsten zu finden. Sie sind leichter zu konstruieren, da sie aus kleineren Steinen gebaut werden. Die Länge reicht von 10 bis 20 Metern. Manchmal ist der Eingang an der Seite. Man findet auch abgedeckte Alleen mit einer Richtungsänderung in der Mitte des Flurs und Unterteilungen.


Diese Bauwerke befinden sich manchmal in einer einzigen Anlage und unter einem einzigen Hügel. Der Cairn von Barnenez en Plouézoch in der Bretagne bedeckt elf Dolmen mit Gängen und wurde in mehreren Phasen errichtet .


Die Bauweise

Sowohl der Gang als auch der Hauptraum wurden auf die gleiche Weise gebaut: Zuerst wurden die Seitensteine wie Menhire aufgestellt, mit dem Unterschied, dass die seitlichen Rampen danach nicht zerstört, sondern belassen wurden, wodurch der für den Dolmen erforderliche Erdhügel entstand. Der Zwischenraum zwischen den beiden Seitensteinen wurde mit Erde aufgefüllt, um die Deckplatte darüberziehen zu können und die Seitensteine während dieses Vorgangs zu stabilisieren. Anschließend wurde die Erde aus dem Zwischenraum wieder entfernt.

Der Eingang eines Dolmens ist niedrig und eng. Wenn man weiter hineingeht, wird der Gang, je näher man zum Hauptraum kommt, immer größer. Der Boden verläuft nach unten, in die Erde hinein und die Decke wird immer höher. Man betritt den Dolmen gebückt, später kann man sich aufrichten.


Der Dolmen – ein der Höhle nachempfundenes Bauwerk

Die Dolmen dienten als Grabstätten und zeremonielle Orte. Die Dolmen werden anhand von Überresten von Opfergaben oder Skeletten datiert, die von den Erbauern oder deren Nachfolgern stammen können. Höhlen und künstliche Grotten, die vom Menschen in weiches Gestein – Kreidestein oder bestimmtes Kalkgestein – gegraben wurden (so genannten Hypogäen), hatten schon im frühen Neolithikum diese Funktion. Eine Höhle ist ein energetisch starker Ort, wo tellurische Energien eine wichtige Rolle spielen. Sie eignet sich sehr gut für den Kult an die Mutter Erde. Die Höhle stellte die Rückkehr in die Erde, in die Gebärmutter dar. Aufgrund des Bevölkerungswachstums boten die Grabstätten in den Höhlen nicht mehr genügend Platz. Außerdem gab es in vielen Regionen keine Höhlen. Folglich wurden vor der megalithischen Zeit – vor der Ausbreitung der Megalithkultur – andere Arten von Grabstätten benutzt, wie z.B. Gruben oder Senkkästen.

Mit der Zeit ersetzte der Dolmen die Höhle. Der Dolmen und sein Tumulus oder Cairn (Grabhügel) sind folglich die Nachbildung einer im Berg verborgenen Höhle. Der Hügel hatte wahrscheinlich die Form einer Pyramide mit einem spitzen Gipfel. Dolmen und Tumulus/Cairn spiegeln das kosmische Ei und den kosmischen Berg wider. Diese Symbole stehen für die Schöpfung der Welt. In Ägypten hatten die aus Quadersteinen errichteten Pyramiden diese Funktion.


Der Dolmen als Grabstätte

Die Skelette wurden in den Dolmen aufeinander geschichtet. In einem Dolmen mit Flur konnten Hunderte Tote aufbewahrt werden, sie wurden jedoch nicht alle sofort nach dem Tod dort hingebracht, sondern erst, als von dem toten Körper nur noch die Knochen übrig waren. Die Skelette wurden manchmal in Langknochenhaufen und Schädelhaufen sortiert. Mehrere Generationen wurden am selben Ort beigesetzt. Die Erhaltung der Überreste hängt von der Bodenbeschaffenheit ab. In nicht-saurem und kalkhaltigem Boden und Unterboden werden Knochen besonders gut konserviert.

Ein intaktes Denkmal schließt fast immer Grabbeigaben mit ein, wie Waffen, Gegenstände aus dem Haushalt und der Landwirtschaft, Lebensmittelreste (mit Getreide gefüllte Gefäße, wobei vom Getreide heute nichts mehr übrig ist), Schmuck und Schmuckobjekte sowie rituelle Gegenstände. Neueste Funde in Gravinis in der Bretagne lassen erahnen, dass die Grablegung von Zeremonien begleitet wurde, die auf dem Vorplatz vor dem Dolmen stattfanden .


Fels und Steinplatte sind Manifestationen unbegrenzter Dauer, Beständigkeit und Unverwüstlichkeit. Offenbar hatte man die Absicht, imposante und beständige Bauwerke zu errichten, die die Zeit und die Vergänglichkeit besiegen konnten.

Die Entdeckung des Ackerbaus hat wahrscheinlich die Auffassung über das menschliche Leben verändert. Der Mensch war nun intensiver in den Lebenszyklus der Vegetation eingebunden – Geburt, Leben, Tod, Wiedergeburt. Die Toten kehren wie Samenkörner in den Schoß der Mutter Erde zurück in der Hoffnung auf Wiedergeburt. Die Dolmen erfüllten die Aufgabe der Gebärmutter, aus der der Mensch neu geboren werden konnte. Außerdem war es Brauch, dem Toten für seine große Reise und sein künftiges Leben Grabbeigaben mitzugeben. Der megalithische Totenkult scheint die Gewissheit der Unsterblichkeit der Seele einzuschließen, und die Steinbauten sind ein Symbol für dieses Fortleben. Der Eingang des Dolmens ist fast immer nach Osten ausgerichtet, Richtung Sonnenaufgang, zur wiedererwachenden Sonne.


Die Menhire können als Ergänzung zu den Dolmen gesehen werden. Sie wurden als ein materieller Träger für die Seele der Toten betrachtet. Einerseits waren sie als Steine eine Art „Stellvertreter des Leibes, in dem die Seelen der Verstorbenen Wohnung nehmen“ konnten. Gelegentlich finden sich auch mit Menschengestalten verzierte Menhire: „Sie sind die Wohnung, der Leib der Verstorbenen“. Mircea Eliade  sieht darin den Ausdruck der Hoffnung der Lebenden auf Schutz und Beistand der Ahnen.

Andererseits konnten die Menhire die Seele des Toten auch festhalten und sie daran hindern, dass sie sich zu den Lebenden zurückbegeben und dort ihr Unwesen treiben konnte.


Der Dolmen als zeremonielles Monument


Ein Dolmen mit mehreren Räumen konnte gleichzeitig als Grab und als zeremonieller Ort dienen. Ein Dolmen à Couloir konnte auch zuerst als Kultort und später als Grabstätte dienen.


Der Dolmen war wie die Höhle in früherer Zeit ein zeremonieller Ort. Die Höhle wurde in ihrem Eingangsbereich als Wohnstatt verwendet und in ihrem tiefer gelegenen Teil für Einweihungen oder Zeremonien.  Die Anwesenheit von Priestern beweisen Krummstäbe, die als Symbol für die religiöse Macht stehen und manchmal z.B. auf der Platte des Dolmen gegenüber des Eingangs dargestellt sind. Der Dolmen war der Einweihungsort für Schamanen und für heranwachsende Männer. Er ist ein Symbol für den Ursprung des Lebens mit der Form einer Gebärmutter, wo der Mensch geboren oder wiedergeboren wird (Dolmen als Gräber). Nicht nur am Anfang eines neuen Erdenlebens gibt es eine Wiedergeburt, sondern auch innerhalb eines Lebens, nach jedem Übergang von einer Altersstufe in die nächste. Der Dolmen ist folglich der Ort, wo Frauen und Männer Übergangsriten vollzogen, um von einem Lebensstadium zum nächsten zu gelangen, wie von der Kindheit zur Jugend, zur Reife, zum Alter. Der Übergang von einem Stadium zum nächsten ist wie ein kleiner Tod für eine Wiedergeburt in einen neuen Zyklus. Der Dolmen und die Höhle eignen sich folglich sehr gut für Übergangs- und Bestattungsriten.

Die Sonnenwenden und Tagundnachtgleichen markieren bestimmte Übergangsmomente in der Natur. Herbst und Winter sind jene Jahreszeiten, in denen sich die Natur in die Erde zurückzieht, um ihre Wiedergeburt im Frühling und Sommer vorzubereiten. Die Natur stirbt, um wiedergeboren zu werden. Auch die Menschen erleben diese Zyklen mit der Natur durch Perioden des äußeren und inneren Erlebens.

Die Herbsttagundnachtgleiche und die Wintersonnenwende waren wahrscheinlich Zeitpunkte, zu denen die Menschen in den Dolmen – als Symbole für die Wiedergeburt – Riten abhielten. Die Sommersonnenwende und die Frühlingstagundnachtgleiche wurden dementsprechend in Cromlechs gefeiert. Allgemein waren die Dolmen heilige Orte, wo Riten der Fruchtbarkeit und Kulte der Mutter Erde abgehalten wurden, die mit der Landwirtschaft in Verbindung standen. Darstellungen in Dolmen wie z.B. Wasser können der Muttergöttin zugeschrieben werden. Später wurde davon unter anderem der Kult der Persephone (griechische Mythologie) abgeleitet.

Bei all diesen Ritualen hatte der Dolmen die Funktion einer Brücke zwischen Himmel und Erde. Man betrat ihn gebückt, und mit Demut durchlief man den Gang der Reinigung, um die heilige Grotte zu erreichen. Dort konnte man die Brücke überqueren und die Reise nach oben beginnen.


Epilog

In den jüngsten Gräbern der Steinzeit  hat man Darstellungen von Wasser und vom Mond (typisch für die Megalithkultur), kombiniert mit Darstellungen von Waffen und Symbolen der Sonne, des Donners und des Blitzes gefunden, auch immer öfter Darstellungen von Dolchen und Kampfäxten . Das könnte mit der Einwanderung von Reitervölkern aus den Steppen Südrusslands erklärt werden. Die alte europäische landwirtschaftliche Gesellschaft überließ langsam ihren Platz einer neuen, patriarchalischen und kriegerischen, der indo-europäischen Zivilisation. Der Kult der Muttergöttin wird von den Solarkulten ersetzt.

Megalithen wurden später nicht mehr gebaut, aber sie waren Vorbilder für  nachfolgende Zivilisationen. Mögen sie uns genauso inspirieren!                


Literatur
• Hans Biedermann: „L’art mégalithique en Europe“ in: Stauffacher (ed.): Histoire universelle de l’art
• Myriam Philibert: La naissance du  symbole, Edition Dangles 1991
• Richard Atkinson: Stonehenge and its environment, English Heritage 1980
• Fernand Schwarz: Maât ou l’actualité de l’Egypte ancien, Edition Noème 1996
• Pierre-Roland Giot: Menhirs et Dolmens, Editions d’art Jos le Doaré 1996
• Mircea Eliade: Geschichte der Religiösen Ideen, Band 1, Herder 1994
• Henriette Walter: L’aventure des langues en Occident, Livre de poche 1996

Autor: Vincent Abadie

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 88

 


Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 27. April 2006 )
 
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