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Die Megalithkultur – Teil 1


Eines der großen Geheimnisse unserer Geschichte


ImageMegalithen sind Bauwerke der Vorgeschichte und gehören zu den größten Rätseln der Menschheit. Wie diese Bauten errichtet wurden und welchem Zweck sie dienten, kann bis heute nicht eindeutig beantwortet werden.


Vom wissenschaftlichen Standpunkt geht man davon aus, dass sie hauptsächlich zwischen dem 5. und 1. Jahrtausend v. Chr. im so genannten neolithischen Zeitalter errichtet wurden. Man kann Megalithbauwerke in allen Erdteilen finden, sogar (wenn auch nur sehr vereinzelt) in Amerika (Kolumbien). Auch wenn man eine Chronologie erstellt, darf man sie nur als ungefähre Orientierung betrachten. Die ersten Spuren der europäischen Megalithkultur stammen aus dem 5. Jahrtausend v. Chr. und sind in Westeuropa zu finden: in Frankreich (vor allem in der Bretagne), in Spanien und in Portugal. In Irland, England, Deutschland und in Skandinavien taucht die Megalithkultur gegen 3200 v. Chr. auf. Später wurden diese großartigen Steinbauten auch im östlichen Mittelmeerraum, wie z.B. in Palästina errichtet. Weiter breitete sich die megalithische Bauweise im 1. Jahrtausend v. Chr. in Nordafrika (Maghreb) und im Fernen Osten (z.B. in Dekkan, Assam, Ceylon, Tibet und Korea) aus, wo sie bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. gepflegt wurde. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es noch lebendige Megalithkulturen in Indonesien und Melanesien, die sich höchstwahrscheinlich sehr stark von den ursprünglichen, alten Kulturen unterschieden. Dieser Artikel wird sich nur mit den ehemaligen Megalithkulturen Europas beschäftigen.

Betrachtet man die Ausbreitung der Megalithkultur, so kann man sicher nicht von einer megalithischen Völkerwanderung ausgehen. Wäre dies der Fall gewesen, so müsste man viel mehr Gemeinsamkeiten unter den Völkern, wo die Megalithkultur auftauchte, finden können.

Dies ist aber nicht so. Tatsächlich weisen die Opferbeigaben für die Toten in den Dolmen von einer Region zur anderen große Unterschiede auf, was beweist, dass sich vor allem die ideelle Überzeugung der megalithischen Völker ausgebreitet hat. Dabei handelt es sich aber nicht um einen bestimmten Stil oder eine Mode wie z.B. den des Barock, sondern um eine bestimmte Art und Weise, die natürliche und übernatürliche Welt wahrzunehmen. Diese Völker stellten eine kulturelle Gesamtheit dar, die mehrere Jahrtausende lang existierte – man kann vom „Megalithentum“ sprechen.

Megalithische Völker haben uns keine schriftlichen Dokumente hinterlassen, sondern nur ihre Bauweise, an Hand derer wir versuchen, ihre Vorstellung der Welt zu erfassen.

Heute sind noch viele Typen von Steinbauten erhalten. Aber wir können vor allem drei Hauptkategorien der Bauweise unterscheiden:


1. Der Menhir

(vom niederbretonischen men = Stein und hir = lang), der auf bretonisch „großer Stein“ bedeutet, ist ein hoher, aufrecht stehender und leicht spitz zulaufender Stein.


2. Die Menhirgruppe:

a) Der Cromlech (von crom = Kreis, Krümmung und lech = Ort) bezeichnet eine kreis- oder halbkreisförmige Menhirgruppe

b) Steinreihen (Alignements) sind Menhire, die in einer oder mehreren Reihen stehen, wie bei Carnac in der Bretagne.

Die Menhire der Menhirgruppen haben im Gegensatz zu den einzeln stehenden Menhiren eine rundere Form.


3. Der Dolmen

(dol = Tisch und men = Stein) besteht aus einem großen Deckstein, der von mehreren senkrechten Steinen getragen wird, die so angeordnet sind, dass sie eine Kammer bilden.


Die Lage der Steinbauten hängt von den dafür benötigten Steinbrüchen ab. Man kann sich vorstellen, dass anderes Material, wie z.B. Holz, benutzt worden ist, wenn kein Steinbruch zur Verfügung stand. Die Totenstätte von Passy in der Bourgogne (Ostfrankreich) ist ein gutes Beispiel. Sie besteht aus 25 Monumenten, von denen nur noch die Grundmauern der Gräber stehen. Es handelte sich dabei um Holz-Dolmen, da es in dieser Region keine Steinbrüche gab. Daraus könnte man folgern, dass sich die Megalithkultur auf eine geografisch noch wesentlich größere Fläche erstreckt haben könnte, da es ebenso Holz-Menhire hätte geben können, von denen heute nichts mehr übrig ist.

Anhand von Funden und auf Grund der jüngsten Entwicklungsgeschichte des Menschen kann von der sozialen Organisation der Megalithenerbauer ein grobes Bild gezeichnet werden:

Die Menschen dieser Zeit lebten in einer hierarchischen Gesellschaftsstruktur mit einer Priesterschicht. Die Hierarchie spiegelte sich auch in der beginnenden Arbeitsspezialisierung wider. Die Menschen waren sesshaft, bebauten die Erde und betrieben Viehzucht. Sie züchteten Schweine und Rinder und führten Schafe und Ziegen aus Südeuropa ein. Die wichtigsten landwirtschaftlichen Produkte waren Getreide und Leinen, das auch zur Kleiderherstellung diente. Ihre Werkzeuge und Waffen waren anfangs aus Feuerstein, später auch aus Metall. Ihre Küchenutensilien und auch die Ritualgegenstände waren aus Keramik. Steinmetzarbeiten nahmen einen wichtigen Platz bei der Errichtung der Denkmäler ein.


Die Menhire

Die scheinbar einfachsten megalithischen Monumente sind die aufrechten Steine, die Menhire.


Seine Errichtung

Einen großen Stein stellte man möglicherweise mit folgender Methode auf: Zuerst wurde ein Loch gegraben, dann ließ man den Stein über eine speziell dafür errichtete Erdrampe in das Loch gleiten. Anschließend wurde der Menhir mit kleineren Steinen verkeilt. Die Rampe wurde anschließend zerstört. Manchmal waren die Steinbrüche, aus denen die Steine für die megalithischen Bauten geholt wurden, bis zu 4 km entfernt. Die gängigste Methode war, die Steine auf Baumstämmen dorthin zu ziehen, wo sie aufgestellt werden sollten. Aber der große Menhir von Locmariacquer in Westfrankreich, der auf das Ende des 5. Jahrtausends v. Chr. datiert wurde, war zu schwer, um auf Baumstämmen gerollt zu werden, denn er wiegt 280 Tonnen und ist 20 Meter lang. Man weiß heute noch nicht, wie er transportiert worden ist.

Manche Steine haben eine gleichmäßige Form, weil sie wahrscheinlich behauen wurden. Andere Menhire weisen eine verwitterte Seite auf und haben auf der anderen Seite eine Bruchstelle, die davon zeugt, dass der Stein an dieser Stelle direkt von einem auf dem Boden befindlichen Fels abgetrennt wurde. Selten findet man heute auch verzierte Menhire. Bei den Verzierungen handelt es sich unter anderem um Darstellungen von Schlangen und Krummstäben. Man geht davon aus, dass viele Steine ursprünglich mit Dekorationen versehen waren, die aber von der Erosion ausgelöscht wurden. Menhire als Statuen tauchen im mediterranen Europa erst Ende des Neolithikums auf.

Zu Füßen der Menhire wurden Reste von Opfergaben gefunden, z.B. Tonscherben, Feuersteine und Holzkohle.  Mit solchen Funden konnten die Denkmäler nicht  datiert werden, weil ein Stein allein mit der C14-Methode nicht datiert werden kann, und das Alter der Überreste auch keine Rückschlüsse zulässt.


Der Menhir, ein Kanal zwischen Himmel und Erde

Die Bedeutung dieser Bauten ist noch ein Geheimnis, auch wenn es viele verschiedene Vermutungen darüber gibt.

Ihre vertikale Achse lässt manche annehmen, dass es sich dabei um eine Darstellung der männlichen Polarität handelt und der Menhir deshalb ein Symbol der Fruchtbarkeit war. Er steht mit der Sonne in Verbindung – dem Ursprung allen Lebens.

Manche Menhire hatten in Verbindung mit Dolmen eine ganz besondere Funktion, die mit dem Totenkult verbunden war, wie im zweiten Teil in der nächsten Ausgabe über die Dolmen noch erklärt wird.


Viele Menhire befinden sich an Orten, an denen eine besondere tellurische Kraft (Energiefluss der Erde) vorhanden ist, wie z.B. in der Nähe von Quellen oder Flüssen. Die Erde wird wie ein Lebewesen von energetischen Strömen durchflossen. An bestimmten Punkten tritt diese Energie aus und wird von einem Menhir kanalisiert. Die Menhire erleichtern somit den Austritt der tellurischen Kräfte, die durch diese Steine mit den stellaren Kräften (jene, die in Verbindung mit dem Himmel stehen) in Verbindung treten.


Man findet Menhire auch an Wald- oder Wegrändern und an Kreuzungen. Wege sind oft natürliche energetische Kanäle, und die Menhire dienen als Unterstützung, diese Energie zu kanalisieren. Heute noch sieht man nicht selten Steine, die an Wegkreuzungen stehen. Der Stein ist für die instabile Energie, die durch das Aufeinandertreffen verschiedener Kanäle (Wege) entsteht, ein materieller Träger und Stabilisator.

Ein Teil des Menhirs wurde in der Erde eingegraben, während der Hauptteil der zum Himmel ragende Teil war. Das heißt, Menhire stehen gleichzeitig mit dem Himmel und mit der Erde in Verbindung. Dadurch kann der Menhir seine Rolle als Kanal wahrnehmen.

Er erfüllt die Aufgabe „der irdischen Akupunktur“, wie der Kulturphilosoph Jorge Angel Livraga es bezeichnete.

Ein einzelner Menhir hat nicht dieselbe Bedeutung wie Menhire, die in Gruppen stehen.

Für uns heute ist die Deutung und das Begreifen dieser Monumente deshalb so schwierig, da sich zum einen die irdischen energetischen Punkte der Erde zum Teil verändert haben, weil auch die Erde sich entwickelt. Hinzu kommt, dass die Anordnung vieler Steine teilweise zerstört wurde. Zum anderen hatten die Menschen früher eine sehr starke Beziehung zur Natur. Sie konnten mit Unterstützung ihrer Schamanen andere Ebenen sehen, welche für unser heutiges, von der materialistischen Zivilisation erzogenes Auge unsichtbar bleiben. Uns, denen diese andere Dimension fehlt, fällt es deshalb schwer, eine Zivilisation wie die des Megalithzeitalters zu verstehen.    

Menhirgruppen

Cromlechs und Alignements werden wegen ihrer gemeinsamen Eigenschaften zusammen behandelt. In der großen Familie der Menhirgruppen können drei Kategorien unterschieden werden:

•    Anordnungen von Menhiren in Kreis-, Halbkreis-, Oval- und Vierecksform. Diese heißen Cromlech. Stonehenge ist das berühmteste Beispiel.

•    Anordnungen von Menhiren in einer oder mehreren Reihen, die sich schneiden, findet man sehr häufig überall dort in Europa, wo sich Menhire befinden.  

•    Komplexes Alignement: Dieser französische Begriff bezeichnet Steinreihen oder auch Alleen, die parallel verlaufen. Die Enden dieser Alleen können mit einem Halb-   kreis (Cromlech) von Menhiren (z.B. Alignement von Ménec in der Bretagne) oder einem Kreis abgeschlossen werden.


So besteht zum Beispiel das Alignement von Ménec in Carnac in der Bretagne aus 1169 Menhiren, von denen 70 in einem Oval stehen und 1099 auf 11 Reihen verteilt sind. Die Reihen erstrecken sich über eine Breite von 100 m und haben im Durchschnitt eine Länge von 1165 m. Die Reihen sind von Westen nach Osten ausgerichtet, wobei sie am Ende eine Abweichung in Richtung Nordosten aufweisen. Die Steine sind in der Mitte am kleinsten und werden nach Westen und Osten hin größer.


Alignements (Steinreihen) kanalisieren stellare Energie – vor allem der Sonne und des Mondes, die beide für die Erbauer der Megalithen anscheinend eine wichtige Rolle spielten. Manche behaupten, dass diese Anreihungen dazu dienten,  Sonnen- oder Mondfinsternisse vorherzusagen und so ein sehr großes astronomisches Observatorium bildeten, das durch seine Größe besonders präzise war. Zweifellos waren sie bedeutende Kultzentren. Tausende von Personen kamen wohl von entfernten Orten nach Carnac, um an Zeremonien teilzunehmen. Die dort abgehaltenen Feste umfassten wahrscheinlich Opferungen, Tänze und Prozessionen.


Das berühmteste und großartigste Cromlech ist zweifellos Stonehenge im Südwesten von Großbritannien. Es steht allein auf einer weiten, flachen Wiese, so dass es von der Ferne sehr klein aussieht, aber gewaltig erscheint, wenn man es betritt. Nach der offiziellen Geschichtsschreibung wurde Stonehenge in vier Phasen zwischen 3000 v. Chr. und dem

Ende der Bronzezeit (1000 v. Chr.) errichtet. Der Tempel besteht aus vier konzentrischen Cromlechs. Die zwei äußeren sind kreisförmig, die zwei inneren hufeisenförmig. Alle Steine wurden behauen. Das Monument wurde auf den Sonnenaufgang der Sommersonnenwende ausgerichtet. Ein langer Weg führte die Prozessionen aus nordöstlicher Richtung zum Tempeleingang. Die gesamte Tempelanlage umfasst auch zwei Tumuli, (Grabhügel) was zeigt, wie zwei verschiedene Kultrichtungen miteinander in Verbindung stehen: der Cromlech für den Sonnenkult und die Tumuli für den Kult der Muttererde (wie in Teil 2 noch ausführlicher erklärt werden wird). Da der Tempel ein Heiligtum des Sonnenkults war, kann man sich vorstellen, dass Riten vor allem im Frühling und Sommer durchgeführt wurden, und besonders zur Sommersonnenwende und Tagundnachtgleiche. Außerdem konnten Sonnen- oder Mondfinsternisse auch mit Hilfe dieses Tempels vorhergesagt werden.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass Cromlechs oder Anreihungen in Verbindung mit der stellaren, himmlischen Energie stehen, während Dolmen sich auf die tellurischen, irdischen Kräfte beziehen, wodurch sich die zwei Typen von Kulten ergänzen.

Mögen die Megalithbauten uns daran erinnern, dass Menschen zu allen Zeiten versuchten, sich mit den geistigen Kräften des Universums zu verbinden. 


Im zweiten Teil dieses Artikels erfahren Sie mehr über Dolmen.


Autor: Vincent Abadie

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 87


Letzte Aktualisierung ( Donnerstag, 27. April 2006 )
 
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